• Yvonne Jamal

    Yvonne Jamal

    Vorstandsvorsitzende JARO Instituts für Nachhaltigkeit und Digitalisierung e.V.

    BeratungGastronomie & Tourismus Wirtschaft
    Der Einkauf ist die Schlüsselfunktion für nachhaltiges Wirtschaften.

Nachhaltiges Handeln muss zum neuen Normal werden. Lieferketten sind dabei ein entscheidender Faktor, sagt sie.


Yvonne Jamal

 

Person

Vorstandsvorsitzende JARO Instituts für Nachhaltigkeit und Digitalisierung e.V.

Jahrgang: 1976 | Geschäftssitz: Berlin

Mehr erfahren

Yvonne Jamal ist Diplom-Betriebswirtin und hat mehr als 15 Jahre Erfahrung in der Tourismusbranche. In den letzten Jahren war sie in leitender Position im indirekten Einkauf bei Zalando SE. Seitdem engagiert sie sich ehrenamtlich als Regionenvorstand beim Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME) im Bereich Nachhaltige Beschaffung und im Expertenkreis Nachhaltigkeit des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft Unternehmerverband Deutschland e.V. (BVMW).

Sie begann ihr Berufsleben als Filialleiterin eines Reisebüros und verbrachte mehrere Jahre im Ausland für einen internationalen Reiseveranstalter. Insbesondere die Zeit auf den Malediven und die ökologischen Herausforderungen des Landes weckten in ihr das Interesse an Nachhaltigkeitsthemen. Sie arbeitete viele Jahre im Key Account Management großer renommierter Hotelkonzerne sowie als Unternehmerin im MICE Bereich. Als Teamleiterin im indirekten Einkauf bei Zalando SE verantwortete sie u.a. den Aufbau der Abteilung Indirect Procurement und die Auswahl und Einführung einer digitalen Einkaufslösung, wofür sie 2017 mit ihrem Team für den eSolution Award des Bundesverbandes Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) nominiert wurde. Um sich im Bereich Nachhaltigkeit zu qualifizieren, absolvierte sie die wissenschaftliche Weiterbildung „Nachhaltiges Wirtschaften und CSR“ an der Universität Rostock.

 

THEMEN

Nachhaltige Beschaffung | Nachhaltigkeit allgemein | Nachhaltiger Tourismus

 

Einsatzgebiete

Speakerin offline & online | Trainings | Workshops | Webinare | Diskussionsrunden

 

#jaro #procurement4sustainability #trueleadersclub

Interview

Was genau machst Du beruflich im Bereich der Nachhaltigkeit?

Gemeinsam mit engagierten Mitstreiter*innen und Freund*innen habe ich 2018 das JARO Institut für Nachhaltigkeit und Digitalisierung in Berlin gegründet. Wir sind ein gemeinnütziger Verein und wollen erreichen, dass nachhaltiges Handeln zum Standard in der Wirtschaft wird. Mein Fokus liegt dabei insbesondere auf der nachhaltigen Beschaffung, da ich den Einkauf als Schlüsselfunktion für eine nachhaltige Entwicklung sehe. Vielen Einkaufsverantwortlichen ist noch nicht bewusst, welche entscheidende Rolle sie hierbei spielen und welche Chancen sich für ihre eigene Entwicklung und die ihres Unternehmens damit ergeben können. Das wollen wir ändern, indem wir ihnen das notwendige Wissen vermitteln, sie mit anderen Organisationen vernetzen, hilfreiche Tools für die tägliche Arbeit anbieten und sie auch bei der Planung und Umsetzung unterstützen.

Wie bist du dahin gekommen, wo du jetzt bist?

Ich habe nach meinem BWL-Studium viele Jahre im Vertrieb gearbeitet und in der Tourismusbranche große Key Accounts betreut. 2013 war dann Zeit für etwas Neues. Ich wollte meine Erfahrungen im Vertrieb auf der anderen Seite des Verhandlungstisches einbringen und bin so zu Zalando in den indirekten Einkauf gewechselt. Dort hatte ich nehmen dem Travel Management und dem Fuhrpark noch diverse andere Einkaufsthemen in meiner Verantwortung. Ich war erstaunt, wie wenige Auswertungen und Informationen der Einkauf zu diesem Zeitpunkt vorlagen und wie analog die Beschaffungsprozesse an vielen Stellen noch waren. Ich hatte dann die großartige Möglichkeit, den indirekten Einkauf und die verbundenen Prozesse aufbauen, optimieren und digitalisieren zu können. Eine enorme Herausforderung, die unglaublich viel Spaß gemacht hat. In dieser Zeit hatte ich bereits einen starken Fokus auf der nachhaltigen Beschaffung und bereits eine wissenschaftliche Weiterbildung an der Universität Rostock absolviert. Als 2018 das Digitalisierungsprojekt bei Zalando abgeschlossen war, wollte ich daher meine ganze Kraft nur noch in den Dienst der Nachhaltigkeit stellen und habe daher mit Freund*innen das JARO Institut gegründet.

Hat Nachhaltigkeit schon immer eine Rolle gespielt in Deinem Leben, oder gab es den berühmten Change?

Umweltschutz hat mich schon immer interessiert, aber ich war zu lange Zeit nur passiv. Durch meine internationalen Arbeitseinsätze hatte ich schon früh einen sehr persönlichen Eindruck davon, wie unterschiedlich die Arbeits- und Lebensbedingungen auf der Welt sind. Während meiner Tätigkeit auf den Malediven, habe ich meinen Mann kennengelernt. Als Mutter von drei Jungs wünsche ich mir, dass auch unsere Enkelkinder später noch vor Ort bei erleben können, wo ein Teil ihrer Wurzeln liegt. Dieses Land wird jedoch von der Erdoberfläche vollständig verschwinden, wenn wir unsere Wirtschaftsweise nicht massiv verändern und an den planetaren Grenzen ausrichten. Die Geburt unseres jüngsten Sohnes 2017 war dann tatsächlich der Moment, in dem ich wusste, dass ich zukünftig nichts anderes mehr tun möchte, als aktiv zu einer nachhaltigen Entwicklung beizutragen.

Im Einkauf war in den letzten Jahren das Schwerpunktthema die Digitalisierung. Nachhaltigkeit war lange Zeit kaum präsent. Seit letztem Jahr kann man jedoch beobachten, dass mehr und mehr Unternehmen eine Veränderung anstoßen möchten, sei es aus Überzeugung oder aufgrund des zunehmenden Drucks aus der Gesellschaft und der Politik. Das Thema Sorgfaltspflicht zur Wahrung der Menschenrechte wird aufgrund des aktuellen Gesetzesvorhabens der Deutschen Bundesregierung aktuell kontrovers diskutiert. Dabei werden verstärkt digitale Lösungen gesucht, um diese Herausforderung zu meistern.

An welchen Punkten stößt Du, stößt Dein Unternehmen oder Deine Branche an Grenzen in der Nachhaltigkeit und wie löst Ihr diese Herausforderung?

Der Einkauf wird klassisch sehr stark an den Kosteneinsparungen gemessen, die er für das Unternehmen generiert. Damit verbunden ist fast überall eine leistungsorientierte Vergütung. Wenn der Einkauf keine Unterstützung der Geschäftsführung erhält, um auf eine nachhaltige Beschaffung umzustellen, wird es daher meist schwierig. Externe Kosten wie z.B. für Umweltschäden finden bislang (fast) keinen Einzug in die Bilanzen. Unternehmen stehen in starkem Wettbewerb und fürchten Nachteile, wenn sie im Preiskampf nicht mithalten können. Wir versuchen daher verstärkt die Chancen nachhaltigen Wirtschaftens zu vermitteln: eine steigende Reputation z.B. als Arbeitgeber bei der Personalgewinnung, die Erschließung neuer Zielgruppen aufgrund fairer und umweltfreundlicher Produkte usw. Außerdem wollen wir, dass der Einkauf seine Verantwortung auch selbst proaktiv in die Hand nimmt und z.B. neue Kennzahlen entwickelt, mit denen er seinen Beitrag zu den Nachhaltigkeitszielen nachweisen kann. Mit ein paar Anregungen, kann auch ohne großes Budget ein Einkaufsteam für das Thema sensibilisiert werden.

Wie kann Deine Arbeit, oder Deine Branche dazu beitragen die Welt nachhaltiger zu machen?

Der Einkauf repräsentiert die wirtschaftliche Nachfrageseite. Beschaffungsverantwortliche verantworten mehrstellige Millionenbudgets und mehr. Mit ihrer Nachfrage nach nachhaltigen Produkten und ihrem Einfluss auf Lieferanten, können sie tatsächlich die Welt verändern. Bis zu 450 Millionen Menschen sind im Rahmen der globalen Lieferketten tätig. Berücksichtigt man noch deren Familien, so kann der Einkauf z.B. durch die Zahlung von existenzsichernden Löhnen das Leben von ca. 2 Milliarden Menschen verbessern! Hinzu kommen noch die massiven ökologischen Auswirkungen der globalisierten Wirtschaft. Wenn sich Einkäufer*innen bewusstwerden, welchen ökologischen Fußabdruck sie in ihren Lieferketten hinterlassen, ist die Grundlage geschaffen, diesen auch gemeinsam mit den Lieferanten zu reduzieren und auf eine klimaneutrale Kreislaufwirtschaft umzustellen.

Was war der Auslöser für die Gründung?

Die Idee zu gründen, hat mich schon einige Zeit beschäftigt. Finaler Auslöser war tatsächlich die Geburt unseres dritten Sohnes. In der anschließenden Elternzeit hatte ich viel Zeit über meine bisherige Arbeit nachzudenken und wollte einfach nicht mehr hinnehmen, dass das Thema Nachhaltigkeit immer ganz am Ende der Prioritätenliste steht. Mit meinem Netzwerk und den Erfahrungen wollte ich aktiv dazu beitragen, dass sich in der Wirtschaft mehr bewegt.

Was waren die größten Hürden und wie hast Du diese gemeistert?

Die größten Hürden waren, wie bei den meisten Gründern auch, finanzieller Natur. Am Anfang habe ich ohne und etwas später mit sehr niedriger Vergütung gearbeitet. Ich habe jedoch eine Familie zu ernähren und musste JARO erst einmal aufbauen. Zum Glück hatten wir großartige Freunde, die an uns und unsere Idee geglaubt und uns mit einem Privatdarlehen unterstützt haben. Außerdem ist so eine Gründung sehr arbeitsintensiv. Ich habe oft ein schlechtes Gewissen, wenn ich so wenig Zeit für meine Kinder habe. Zugleich sind sie meine größte Motivation weiterzumachen und nicht aufzugeben. Ich möchte, dass sie später stolz auf mich sind und wissen, dass ich alles versucht habe, um auch ihrer Generation ein bestmögliches Leben zu ermöglichen.

Was möchtest Du jungen Menschen in Sachen Nachhaltigkeit mit auf den Weg geben?

Ich finde es ist enorm wichtig, gemeinsam mit anderen an Zielen zu arbeiten. Das Nachhaltigkeitsziel 17 der Vereinten Nationen sagt uns ja genau das: Partnerschaft zum Erreichen der Ziele. Gerade in jungen Jahren, wenn man noch nicht viel Berufserfahrung hat, wird man vielleicht noch nicht ganz ernst genommen. Daher ist es empfehlenswert, sich möglichst frühzeitig gut zu vernetzen. Viele der großen Wirtschaftsverbände haben spezielle Gruppen für den Nachwuchs. Hier kann man sich gut mit erfahrenen Praktikern austauschen, Ansichten diskutieren und jede Menge Tipps mitnehmen. Auch Mentoringprogramme sind sehr empfehlenswert. Mit einer guter Portion Neugier, Eigeninitiative und Hartnäckigkeit kommt man schon recht weit.

Inspiriere uns – wie gestaltest Du Dein Arbeits- und Dein Privatleben umweltschonend?

Wir haben unser Büro fast vollständig „second hand“ eingerichtet. Wir nutzen Recyclingpapier, vermeiden Dienstreisen so oft es geht durch die Nutzung von Webmeetings und fahren mit dem ÖPNV bzw. mit der Bahn. Im privaten Umfeld kaufe ich Bio und FairTrade so oft es nur geht, trenne Müll, versuche unseren Fleischkonsum zu reduzieren und Urlaubsreisen nachhaltig zu gestalten. Strom und Wasser sparen wir schon immer und in unserer Nachbarschaft tauschen wir von Kleidung, Haushaltsgeräten, Möbeln bis hin zum Auto (zeitweise) fast alles.

Was treibt Dich an?

Meine Kinder und die Zukunft, die ich ihnen wünsche.

Von welcher Positiv-Schlagzeile aus Deiner Branche zum Thema Umweltschutz träumst Du?

„Top Kennzahlen im Einkauf 2021: Ökologischer Fußabdruck der Lieferkette erstmals auf Platz 1, Living Wage Indikator folgt auf Platz 2“

Futurewoman – Empowering Women in Sustainability