Ich arbeite an der sozialen Dimension von Nachhaltigkeit. Mein Schwerpunkt liegt auf Gleichstellung, Diversität und einer (Unternehmens)kultur, in der Menschen ihr Potenzial unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Lebenssituation entfalten können. Mit meinem Unternehmen motus5 begleite ich Organisationen und Unternehmen dabei, nachhaltige Veränderungen nicht nur zu planen, sondern im Alltag zu verankern. Dazu gehören Führungskräfteentwicklung, diskriminierungssensible Kommunikation, die Entwicklung fairer Strukturen sowie die Förderung von Chancengerechtigkeit. Aus meiner Forschung weiß ich, dass Gleichstellung nicht nur fair ist, sondern auch die Zufriedenheit, Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit von Organisationen stärkt. Nachhaltigkeit bedeutet für mich deshalb auch, Arbeitswelten zu schaffen, in denen Menschen gerne arbeiten, Verantwortung übernehmen und langfristig erfolgreich sein können.
Mein Weg war alles andere als geradlinig. Mich hat schon früh die Frage beschäftigt, warum Menschen mit ähnlichen Fähigkeiten so unterschiedliche Chancen haben. Deshalb habe ich mich in Forschung und Praxis intensiv mit Gleichstellung, Geschlechterrollen und organisationalem Wandel auseinandergesetzt. Dabei wurde mir immer deutlicher: Wissen allein verändert noch nichts. Wirkliche Veränderung entsteht erst, wenn Menschen, Führungskräfte und Organisationen bereit sind, Gewohnheiten, Strukturen und Perspektiven zu hinterfragen.
Aus dieser Überzeugung heraus habe ich motus5 gegründet. Heute verbinde ich wissenschaftliche Erkenntnisse mit konkreten Instrumenten für den Arbeitsalltag. Mein Ziel ist es, Gleichstellung nicht als Pflichtaufgabe zu behandeln, sondern als Chance für mehr Zufriedenheit, bessere Zusammenarbeit und nachhaltigen Erfolg. Denn wenn Menschen ihr Potenzial entfalten können, profitieren am Ende alle davon – die Organisation ebenso wie die Gesellschaft.
Nachhaltigkeit hat mich lange begleitet, allerdings zunächst nicht unter diesem Begriff. Mich hat schon früh beschäftigt, wie Menschen zusammenleben, arbeiten und welche Bedingungen sie brauchen, um ihr Potenzial entfalten zu können. Der eigentliche Perspektivwechsel kam, als mir bewusst wurde, dass Nachhaltigkeit weit mehr ist als Umwelt- und Klimaschutz. Heute ist das in den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen verankert. Für mich ist deshalb klar: Die verschiedenen Dimensionen von Nachhaltigkeit lassen sich nicht voneinander trennen. Wer
Gleichstellung, Chancengerechtigkeit sowie Gesundheit und Wohlergehen fördert, stärkt auch alle anderen Nachhaltigkeitsziele.
Für meinen Arbeitsbereich sehe ich drei große Entwicklungen: Erstens wird soziale Nachhaltigkeit zunehmend als strategischer Erfolgsfaktor verstanden und nicht mehr nur als „weiches Thema“. Organisationen erkennen, dass Gleichstellung, Gesundheit, psychologische Sicherheit und Chancengerechtigkeit entscheidend für Innovationskraft, Fachkräftesicherung und Zukunftsfähigkeit sind.
Zweitens verschiebt sich der Fokus von Einzelmaßnahmen hin zu echter Kulturentwicklung. Statt einmaliger Workshops oder symbolischer Aktionen geht es immer mehr darum, Strukturen, Führung und Zusammenarbeit nachhaltig zu verändern.
Drittens wächst die Erwartung insbesondere jüngerer Generationen, dass Organisationen ihre Werte auch leben. Menschen wollen nicht nur für ein erfolgreiches Unternehmen arbeiten, sondern für eines, das Verantwortung übernimmt und faire Chancen bietet.
Das größte Problem ist, dass häufig davon ausgegangen wird, Veränderung ließe sich durch reine Willenskraft oder eine einzelne Ansage erreichen. Doch das ist unmöglich. Wenn wir etwas verändern wollen, brauchen wir Zeit, Training, Wiederholung, Ausprobieren und Anpassung.
Autofahren haben wir schließlich auch nicht gelernt, indem wir uns fest vorgenommen haben, es zu können, oder indem uns die Fahrlehrerin einmal erklärt hat, wie es funktioniert. Wir mussten üben. Wir brauchten jemanden an unserer Seite, der Fehler korrigiert, Feedback gibt und uns dabei unterstützt, besser zu werden.
Genauso verhält es sich mit jeglichen Change-Prozessen. Deshalb setzen wir genau hier an. Wir trainieren Veränderung – mit passgenauen Instrumenten, die sich in den jeweiligen Arbeitsalltag integrieren lassen.
Wir helfen Menschen und Organisationen, Veränderung anders zu verstehen und gezielt zu trainieren. Unser Ansatz für Change-Prozesse lässt sich nicht nur für Gleichstellung einsetzen, sondern für jede Form von Veränderung. Damit wirkt unsere Arbeit auf mehreren Ebenen: Wir fördern Gleichstellung und damit die Zufriedenheit von Menschen, was wiederum Gesundheit, Leistungsfähigkeit etc. fördert und Konflikte reduziert. Gleichzeitig stärken wir die Fähigkeit, mit Veränderungen umzugehen, indem Wandel nicht länger als Bedrohung, sondern als Chance erlebt wird. Darüber hinaus trainieren wir einen Mechanismus des Gehirns, die sogenannte Neuroplastizität. Sie fördert Offenheit gegenüber Neuem, Anderem und Unbekanntem. Das erleichtert nicht nur Veränderungsprozesse in Organisationen, sondern wirkt sich auch positiv auf unser gesellschaftliches Zusammenleben aus.
Ich wünsche jungen Menschen, dass sie ihre Neugier behalten. Unsere Welt wird immer komplexer und verändert sich ständig. Wer offen bleibt für neue Perspektiven, andere Erfahrungen und unbekannte Wege, wird nicht nur besser mit Veränderungen umgehen können, sondern sie auch aktiv gestalten. Für mich ist das eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine nachhaltige Zukunft.
Veränderung ist keine Ausnahme, sondern der Normalzustand. Wer lernt, neugierig statt ängstlich auf Neues zu reagieren, hat eine Fähigkeit entwickelt, die in Zukunft wichtiger sein wird als viele Fachkenntnisse.
Ich versuche, Nachhaltigkeit nicht als Verzicht zu verstehen, sondern als bewusste Gestaltung. Das gilt beruflich wie privat. Besonders wichtig ist mir, neugierig zu bleiben und Routinen immer wieder zu hinterfragen. Unser Gehirn liebt Gewohnheiten – deshalb versuche ich regelmäßig Neues auszuprobieren, andere Perspektiven kennenzulernen und offen für Veränderungen zu bleiben. Für mich ist das eine Form von Nachhaltigkeit, weil sie Beweglichkeit fördert statt Stillstand.
Gleichzeitig achte ich darauf, meine Zeit und Energie bewusst einzusetzen. Nachhaltigkeit bedeutet für mich nicht, immer mehr zu leisten, sondern die Dinge zu tun, die langfristig Wirkung entfalten – in meiner Arbeit, in meinen Beziehungen und in meinem Alltag. Denn Zukunft entsteht nicht durch einzelne große Entscheidungen, sondern durch viele kleine Gewohnheiten, die wir jeden Tag leben.
Mich treibt die Vorstellung an, dass die Welt besser sein könnte, als sie heute ist. Nicht perfekt, aber gerechter, zufriedener und mit mehr Möglichkeiten für mehr Menschen. Ich habe das große Glück, jeden Tag daran arbeiten zu dürfen.
Und ich gebe zu: Mich treibt auch die Ungeduld an. Die Ungeduld gegenüber unnötigen Barrieren, verschwendetem Potenzial und der Vorstellung, dass Dinge eben so sind, wie sie sind. Ich glaube, dass Veränderung möglich ist. Nicht von heute auf morgen, aber Schritt für Schritt. Daran mitzuwirken, motiviert mich jeden Tag aufs Neue.
„Erstmals gibt es mehr Menschen in DAX-Vorständen, die Emma heißen, als Männer.“
Ich wünsche mir keine Umkehrung von Ungleichheit. Aber wenn ich auf die aktuelle Situation schaue, in der es mehr Vorstände mit dem Namen Christian als Frauen in DAX-Vorständen gibt, wird deutlich, wie weit wir noch von echter Gleichstellung entfernt sind.
Vielleicht muss das Pendel tatsächlich einmal sichtbar in die andere Richtung ausschlagen, bevor es sich in einer gesunden Mitte einpendelt. Mein Wunsch ist keine neue Schieflage, sondern eine Welt, in der Macht, Einfluss und Chancen weder vom Geschlecht noch von anderen Vielfaltsdimensionen abhängen – und in der solche Schlagzeilen irgendwann niemanden mehr überraschen.