• Annett Winkelmann

    Annett Winkelmann

    Gründerin von internaht

    Es ist sehr schade, dass häufig nur in billig und teuer unterschieden wird. So einfach ist es leider nicht. Wir müssen in vielen Bereichen lernen nachhaltiger und maßvoller zu leben.

Sie schützt die Haut unserer Kinder mit Bio-Kindermode

Annett Winkelmann – Jahrgang 1973 – Gründerin von internaht

Annett Winkelmann ist ausgebildete Bankerin. Aber die virtuelle Welt, das Arbeiten am Computer ohne greifbares Ergebnis, befriedigt die dreifache Mutter irgendwann nicht mehr. Sie schmeißt hin und erfüllt sich einen Traum. Sie gründet internaht, ein Modelabel für Kinder. In Dresden näht sie mit ihrem Team besonders haltbare und besonders schöne Teile aus Bio-Baumwolle. Und sagt heute: Glück und Erfolg im Job kann man nicht ausschließlich am Gewinn messen.

Ein Schneeanzug bringt den Change

Für ihre erste Tochter sucht Annett Winkelmann einen Schneeanzug und findet nichts, was ihren Ansprüchen gerecht wird. Kurzerhand packt sie die Nähmaschine aus, die lange im Schrank stand, und näht ihrem Kind einen Walkoverall. Der kommt nicht nur bei ihrer Tochter gut an, sondern vor allem bei den Müttern der anderen Kinder. Schnell gehen die ersten Bestellungen ein.

„Das war dann die Geschäftsidee, mit der ich mich im August 2011 selbstständig gemacht habe. Seitdem erschaffe ich jeden Tag Dinge mit meinen eigenen Händen, kann kreativ und selbstbestimmt arbeiten. Ich treffe Menschen, die mich inspirieren. Unsere Kunden besuchen uns im Atelier und bedanken sich für die Produkte. Wir bekommen Fotos aus Alaska von Babies in unseren Walkoveralls gemailed. Das erfüllt mich und macht mich glücklich.“

Was heißt Bio-Kindermode?

„Wir sind ein Kindermode-Label. Da versteht es sich von selbst, dass wir versuchen höchsten Qualitätsansprüchen gerecht zu werden. Die kindliche Haut ist noch so empfindlich. In unseren Kollektionen verwenden wir GOTS-zertifizierte Bio-Baumwolle. Das bedeutet, es werden keine synthetischen Pflanzenschutzmittel, Dünger oder hochgiftige Entlaubungsmittel beim Anbau der Baumwolle verwendet. Statt dessen werden natürliche Methoden angewandt, die weder den Boden noch die Baumwolle belasten. Das schützt neben der Umwelt auch die Menschen, die vom Baumwoll-Anbau leben. Denn oft verfügen die Bauern nicht über die notwendigen Schutzmaßnahmen oder sind über die Auswirkungen der giftigen Substanzen auf den menschlichen Organismus nicht ausreichend informiert. Darüber hinaus gewährleistet das GOTS-Siegel aber auch, dass keine Kinder im Produktionsprozesses beschäftigt werden. Wir beziehen unsere Stoffe aus der Türkei, über einen GOTS-zertifizierten Händler in Berlin. Die meisten Stoffdesigns werden extra für uns angefertigt. Unser Stofflieferant ist mehrmals im Jahr vor Ort und dokumentiert seine Reisen mit Kamera und Blogbeiträgen. Mittlerweile bestehen enge persönliche Beziehungen zu den Menschen vor Ort.“

Annett Winkelmann – Futurewoman

Gutes hat seinen Preis

Gerade bei Kindermode achten die Konsumenten auf den Preis. Weil die Kinder schnell rauswachsen aus der Kleidung. Ständig muss etwas Neues her. Bei internaht kostet ein Hoodie 49 Euro. Für viele Kunden ist das erst mal abschreckend.

„Ich habe selbst 3 Kinder und lege auf hochwertige Kindermode sehr großen Wert. Das bedeutet für mich, dass die Sachen lange halten und den Anforderungen des Alltags auf jeden Fall gewachsen sein müssen. Sandkasten, Rutsche, Klettergerüst – abends waschen, morgens das Lieblings-Shirt wieder anziehen. Wir verwenden Stoffe mit einer höheren Stoffgrammatur, d.h. die Stoffe sind etwas dichter. Das ist bequem und angenehm zu tragen. Zudem schneidern wir unsere Pullover, Shirts und Schlafanzüge immer etwas länger – da rutscht nichts hoch und die Kinder sind immer schön warm. Die Bio-Baumwollstoffe sind garngefärbt, so verblassen die Farben auch bei vielen Wäschen nicht und die Kindersachen bleiben lange schön und können so auch problemlos an weitere Geschwisterkinder und Freunde weitergegeben werden. Wir haben viele Kunden, die erst zu uns kommen, unsere Produkte anfassen und das Design schön finden, aber noch nichts kaufen. Oft lassen sie sich internaht-Kindersachen dann von den Großeltern schenken und sind schlussendlich so zufrieden, dass sie Stammkunden werden.“

Selbst und ständig und glücklich

„Der Weg in die Selbständigkeit war und ist ein Risiko, und sicherlich anstrengender als ein Angestellten-Job. Dafür steht ganz gross auf der Haben-Seite meine Unabhängigkeit. Ich kann meine Ideen verwirklichen und vielleicht auch ein klein wenig zu einer besseren Welt beitragen. Es ist schwer zu sagen, wann man mit so einer Gründung über den Berg ist. Aber die Eröffnung unseres Ateliers in Dresden, das wachsende Interesse unserer Kundschaft an nachhaltig produzierter Kleidung und unsere Teilnahme an einer Ausstellungen zum Thema „Fast Fashion versus Slow Fashion” sind positive Anhaltspunkte und stimmen uns für die Zukunft weiterhin optimistisch. Und Wachstum ist ja mehr als nur betriebswirtschaftliche Zahlen oder die Summe der verkauften Meter Bio-Stoff. Das sind für mich als gelernte Bankerin natürlich wichtige Kriterien - aber gerade aus meiner beruflichen Vergangenheit weiß ich, dass sich Erfolg nicht nur mit monetären Maßstäben bewerten lässt. Wachstum sind die vielen, schönen und positiven Kontakte, die wir in den vergangenen Jahren knüpfen konnten, die uns in unserem Geschäft helfen und mich persönlich mit ihrem Feedback, ihren Gedanken und Anregungen bereichern.“

Annett Winkelmann – Futurewoman
Annett Winkelmann – Futurewoman
 

DIY

Im Atelier von internaht kann man auch Nähkurse buchen und die Bio-Stoffe dazu direkt vor Ort kaufen. Man kann also die Teile, die man im Laden oder online kaufen kann, auch selbst nähen. Geschäftsschädigend, oder schlau?

„Wer einmal ein komplettes Kleidungsstück selbst hergestellt hat, der weiß, wie viel Mühe und Zeit darin stecken und kann es ganz anders einschätzen. Es gibt immer wieder Teilnehmer, die im Anschluss an den Kurs unsere Kindersachen ‘begutachten‘. Dann stellen sie fest, welchen Produktionsaufwand wir bei unserer internaht-Kindermode betreiben. Genau das wollen wir erreichen – lieber zweimal schauen, auf Qualität achten, und dann bei einem kleinen Label kaufen, das mit Herz produziert – egal ob internaht oder bei Kolleginnen. Und während unserer Ferienkurse nähen wir mit Kindern kleine Dinge, Kuscheltiere oder Taschen – es ist unglaublich, welchen großen Spaß und Begeisterung Kinder für das selbstgenähte Lieblingsstück entwickeln.“

Der nächste Schritt

Im Sommer soll es die erste kleine aber feine Damenkollektion von internaht geben. Und im Dresdner Atelier will Annett Winkelmann das Sortiment erweitern. Zukünftig soll man dort auch Bio-Kindermode von anderen Marken kaufen können.

„Wir müssen dran bleiben, gemeinsam an Lösungen arbeiten. Es klingt profan und abgedroschen, aber wir haben nur diese eine Erde. Unsere Zeit ist in vielerlei Hinsicht begrenzt und wir müssen es gemeinsam schaffen, unseren Kindern eine lebenswerte Zukunft zu bieten.“

Futurewoman ist ein Projekt von Janine Steeger