• Katrin Pütz

    Katrin Pütz

    Geschäftsführerin (B)energy GmbH

    Energie
    Hört auf zu spenden, um euer Gewissen zu beruhigen!

Mit mobilen Biogasrucksäcken gibt sie Menschen in Afrika die Möglichkeit für eine selbst geschaffene Energiewende


Katrin Pütz

 

Person

Geschäftsführerin (B)energy GmbH

Jahrgang: 1981 | Geschäftssitz: Köln

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Katrin Pütz ist Gründerin (2014) und Geschäftsführerin des Social Business (B)energy, das weltweit die mobile Biogastechnik vertreibt, die sie zwischen 2010 und 2013, nach dem Agrartechnikstudium an der Uni Hohenheim, dort entwickelt hat. Nach Schreinerlehre und Bachelorabschluss in Ecological Impact Assessment an der Uni Koblenz, ging sie 2007/8 erstmals nach Afrika, womit der Grundstein für die Ausrichtung des Unternehmens nach einem besonderen Prinzip gelegt wurde: 100% aid free (kein Geld aus dem Westen)!

 

THEMEN

EE | Afrika | Entwicklungshilfe

 

Einsatzgebiete

Talks and Speeches | Workshops | Consultancy | Trainings

 

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Katrin Pütz – Futurewoman
Katrin Pütz – Futurewoman
 

Interview

Was genau machst Du beruflich im Bereich der Nachhaltigkeit?

Ich betreibe mit (B)energy ein echtes Social Business, dass Menschen in ländlichen Regionen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas Zugang zu sauberer, innovativer und ökologischer Kochenergie verschafft. Weltweit arbeite ich dafür mit Menschen, die in ihrem Land zu Kund*innen und Geschäftspartner*innen werden. Dabei möchte ich vor allem auch in der Unterstützung der Menschen vor Ort nachhaltig agieren und verzichte deshalb auf Gelder aus dem Westen.

Wie bist du dahin gekommen, wo du jetzt bist?

Durch sehr viel harte Arbeit und enge Zusammenarbeit mit Afrikaner*innen und tollen (B)angels als Unterstützer*innen auf der ganzen Welt. Meine strenge Haltung beim Ausschluss von Hilfsgeldern aus dem Westen gibt mir keine einfache, aber eine sehr klare Linie vor, an der ich mich immer orientieren kann.

Hat Nachhaltigkeit schon immer eine Rolle gespielt in Deinem Leben, oder gab es den berühmten Change?

Ich habe mich schon als Kind sehr für die Natur und Tiere interessiert und ich habe früh erkannt, dass man und wie man diese Welt schützen kann. Daraus habe ich Konsequenzen für mein eigenes Verhalten gezogen, wie z.B. wenig Auto fahren, sparsam mit Wasser und Energie umgehen, Plastik vermeiden etc. und habe damit immer meine Familie genervt :-).

(Koch)Energie ist in Afrika ein großes Thema und um aus der Armut herauszukommen, sind viele Mittel recht. Man versucht, vor allem aus dem Ausland, hier eine möglichst erneuerbare Energieversorgung voranzutreiben, doch die Maßnahmen sind kritisch zu betrachten, vor allem die, die vermeintlich die Verbreitung von Biogas in Afrika beschleunigen sollen: von Regierungen und Hilfsorganisationen finanzierte Biogas-Projekte und Programme, CSR Maßnahmen von Unternehmen und CO2-Kompensationsmaßnahmen, über die Biogastechnik stark subventioniert oder verschenkt wird. All diese Ansätze, die jeweils kurzfristige Symptombehandlungen sind, sind tatsächlich schädlich für die Entwicklung des Sektors. Eine aus Umweltsicht nachhaltige Technologie, im Sinne von langfristig wirksam, muss von Menschen vor Ort gewollt und selbstwirksam implementiert werden. Der wohl wichtigste Trend ist, dass sich die Menschen in Afrika anfangen gegen unsere „Hilfe“ zu wehren. Das ist großartig, aber was mir Sorge macht ist, dass das hier keinerlei Akzeptanz findet. Die Leute spenden einfach weiter.

An welchen Punkten stößt Du, stößt Dein Unternehmen oder Deine Branche an Grenzen in der Nachhaltigkeit und wie löst Ihr diese Herausforderung?

Wir sind in der Umsetzung vor allem durch Entwicklungshilfe/-zusammenarbeit bedroht, denn ob kleine Biogasprojekte von privaten Organisationen oder Außenwirtschaftförderung des Bundes – alle Maßnahmen führen dazu, dass der Markt vor Ort immer wieder auf’s Neue verzerrt oder zerstört wird oder die Bedingungen sehr unfair werden, was die Umsetzung als Social Business über lokale Partner*innen ohne diese „unfairen Gelder“ sehr schwierig macht. Was kann man dagegen tun? Fast nichts, denn das System ist bombenfest eingefahren und muss sich selbst erhalten. Selbst Beschwerden bei deutschen Botschafter*innen oder unserem Bundesminister helfen nicht, wenn das eigene Unternehmen im Ausland droht von den Aktivitäten einer Hilfsorganisation kaputt gemacht zu werden. Das ist bitter! Was hier noch dazu kommt ist, dass die Menschen in Europa großzügig helfen möchten und von alle dem nichts wissen, gutgläubig spenden und den Schaden noch größer machen. Echt verzwickt, aber wir versuchen weiter durch Positivbeispiele Aufmerksamkeit zu bekommen und das Bewusstsein zu ändern.

Wie kann Deine Arbeit, oder Deine Branche dazu beitragen die Welt nachhaltiger zu machen?

Wer in dieser Welt erkennt, das er/sie Einfluss auf das Geschehen nehmen kann und die Möglichkeit bekommt, es selbst in die Hand zu nehmen, kann einen großen Beitrag leisten. Dazu braucht man nicht unbedingt Geld. 

Im Kontext von Kochenergie in Afrika ist es leider so: Die ausländische „Hilfsindustrie“ nimmt den Menschen vor Ort die Verantwortung weg. Man schreitet immer wieder ein und setzt kleinteilig Projekte um, entzieht damit lokal Verantwortlichen die Verantwortung und gibt den Menschen eines ganzen Kontinents das Gefühl, dass sie es ohne „die Weißen“ nicht hinbekommen. Das ist der größte Killer von Nachhaltigkeit auf allen Ebenen!

In Bezug auf Biogas: Wer beim Kochen von Holz auf Biogas umsteigt schütz das Klima, reduziert Entwaldung, Bodenerosion, CO2-Ausstoß, Einsatz von mineralischen Düngern, verbessert Bodenfruchtbarkeit, die Gesundheit von Köch*innen, fördert die lokale Wirtschaft etc.

Am wichtigsten für die Nachhaltigkeit ist aber, dass ein eigenständiger, fairer Markt für Biogastechnik entsteht, sonst hat das alles für das Klima keinen Effekt!

Was war der Auslöser für die Gründung?

Mehrere erfolgreiche Pilotprojekt in Äthiopien, die mir den Beweis geliefert haben, dass die selbst entwickelte Technik funktioniert und es eine Nachfrage danach gibt. Danach war klar: Ich muss aufhören zu forschen und entwicklen und die Produkte auf den Mart bringen.

Was waren die größten Hürden und wie hast Du diese gemeistert?

Ich habe versucht ein Unternehmen in Äthiopien aufzubauen. Das war sehr schwierig und ist letztlich an den Auswirkungen von Entwicklungshilfe gescheitert – bezahlt mit unseren Steuergeldern. Diese Erfahrung hat die Gründung von (B)energy in Deutschland (2014) stark geprägt. Ich wollte ein Unternehmen aufbauen, das im Gegensatz zur Entwicklungshilfe die Würde der Menschen nicht verletzt und gleichzeitig einen Beweis schafft, das mit wenig finanziellem Einsatz eine globale Bewegung für nachhaltige Energie geschaffen werden kann. Dabei war mir organisches Wachstum, also Wachstum aus eigener Kraft in einem nachhaltigen Tempo sehr wichtig. So fließen ausschließlich erwirtschaftete Gelder von lokalen Partner*innen (hauptsächlich) aus Afrika in den Aufbau. Dafür braucht es viel Geduld, Vertrauen und Ausdauer. Mein Firmenmotto „together in(B)pendent“ ist Ausdruck dieser Firmenphilosophie und gleichzeitig eine Art „Schlachtruf“, der mir immer wieder die nötige Kraft für diese Herausforderung gibt.

Was möchtest Du jungen Menschen in Sachen Nachhaltigkeit mit auf den Weg geben?

Nachhaltigkeit muss Spaß und Sinn machen! Wenn Menschen bewusst nicht auf Kosten anderer Menschen und der Natur leben wollen, dann vollzieht sich völlig unabhängig eine Veränderung mit großer Wirkung. Ich kann jungen Menschen nur raten:

1. Nachhaltigkeit kritisch hinterfragen!
Beispiel CO2-Kompensation: Hinter den meisten vorrangig gut gemeinten Klima- und Entwicklungshilfemaßnahmen steckt etwas sehr eigennütziges. CO2-Kompensationsmaßnahmen sind vielfach ein unehrlicher Umgang mit dem eigentlichen Problem, was letztlich dazu führt, dass die wahren Probleme guten Gewissens ignoriert werden.

2. Hört auf zu spenden!
Beispiel Entwicklungshilfe: Wenn alle, die an Hilfsorganisationen spenden, dieses Geld in den Kauf von wirklich (!) fair gehandelten Produkten stecken würden, könnten wir eine sehr viel fairere und lebenswertere Welt schaffen, ohne momentan noch arme Menschen mit Spenden zu entwürdigen.

Inspiriere uns – wie gestaltest Du Dein Arbeits- und Dein Privatleben umweltschonend?

Ich habe Glück: Meine innere Zufriedenheit schöpfe ich nicht aus Konsum, materielle Dinge belasten mich eher. Ich nutze mein Geld lieber für Erlebnisse und die Weiterentwicklung meiner Firma und Visionen und somit für die Umsetzung meiner Überzeugungen. Das ist zwar anstrengend, aber es macht großen Spaß und macht für mich Sinn. 

Konkret heißt das: Ich lebe fast vegan, kaufe nur Bio, fahre Fahrrad oder Bahn wohin es geht, ansonsten mit einem Erdgas-Auto. Fernreisen mache ich nur beruflich und das sehr selten, weil es durch den Ausbau und die Nutzung digitaler Angebote nahezu überflüssig wird. Ich beziehe Ökostrom von Polarstern, kaufe meist Second-Hand-Kleidung und verkaufe Biogastechnik. Und ich versuche zwischendurch langsamer zu atmen.

Was treibt Dich an?

Immer wieder die Wut auf ein extrem unfaires globales System, dass sich irreführender Weise „Entwicklungshilfe“ nennt. Gleichzeitig aber auch meine Bewunderung für die besondere Resillienz und Stärke der Menschen in Afrika, und das Bedürfnis, dies hier bei uns sichtbar zu machen. Vor allem für alle, die sich als "weiße Retter*innen" betätigen. Ich würde diesen Selbstdarsteller*innen und Ausbeuter*innen gerne ihre Samariter-Mäntel wegnehmen.

Von welcher Positiv-Schlagzeile aus Deiner Branche zum Thema Umweltschutz träumst Du?

(B)energy’s Businesspartner*innen haben den afrikanischen Biogasmarkt unter sich aufgeteilt – alle Hilfsprojekte wurden vom Kontinent verbannt!

Futurewoman – Empowering Women in Sustainability