• Nora Sophie Griefahn

    Nora Sophie Griefahn

    Geschäftsführende Vorständin von Cradle to Cradle e. V.

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    Wir brauchen eine echte Kreislaufwirtschaft. Nicht eine Abfallwirtschaft, die sich Kreislaufwirtschaft nennt.

Sie will uns gänzlich vom Müll befreien

Nora Sophie Griefahn – Jahrgang 1992 – Geschäftsführende Vorständin von Cradle to Cradle e. V.

2012 habt Ihr den Cradle to Cradle e.V. gegründet. Was genau macht die Organisation?

"Wir bringen Menschen durch Bildungsarbeit zum Umdenken und vernetzen die vielen C2C-Akteur*innen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Politik und Gesellschaft. Mittlerweile sind wir mehr als 700 Aktive, die in mehr als 50 Initiativen bundesweit organisiert sind. Mit ihnen tragen wir die Idee von Cradle to Cradle in die Bevölkerung. Dabei ist unser Cradle to Cradle Congress die weltweit größte Cradle to Cradle-Plattform, denn hier treffen 1.000 Teilnehmende aus der C2C-Community jährlich auf zentrale Persönlichkeiten."

WAS GENAU BEDEUTET CRADLE TO CRADLE?

"Wir unterscheiden zwischen der Denkschule und dem Designkonzept. Die Denkschule steht für eine Haltung, die den Menschen als potentiellen Nützling sieht, der einen positiven Fußabdruck hinterlassen kann: Er ist als Nützling Teil der Natur. Beim C2C Designkonzept geht es darum, was wir als Nützlinge tun können und wie wir C2C in die Praxis umsetzen. Wir müssen uns schon beim Design anschauen, was mit einem Produkt nach der Nutzung passiert und die Nutzungsszenarien genau definieren. So büßen Materialien, im Gegensatz zum klassischen Recycling, bei C2C nicht an Qualität ein. Materialien werden kontinuierlich als wertvolle Ressourcen betrachtet und gehen nicht mehr verloren. Stattdessen sind sie Nährstoff für ein neues Produkt. Damit gibt es keinen Müll mehr. Wir unterscheiden dabei in Biosphäre und Technosphäre: Die Biosphäre beschreibt biologische Kreisläufe, in denen Verbrauchsgüter, die beispielsweise durch Abrieb in Kontakt mit der Umwelt kommen, zirkulieren (z. B. eine Schuhsohle, ein Fahrradreifen oder Shampoo). In der Technosphäre zirkulieren hingegen Gebrauchsgüter, deren Produkt(-teile) sich nicht abnutzen und so kontinuierlich wiederverwendet werden (z. B. eine Waschmaschine, ein Tisch oder eine Lampe). Die beiden Sphären können sich aber auch überschneiden. So kann ein biologisch abbaubarer Kunststoff als Schuhsohle im technischen Kreislauf zirkulieren. Der Abrieb kann jedoch zurück in biologische Systeme gehen."

Helfer*innen und Organisator*innen des C2C Congress 2017
Helfer*innen und Organisator*innen des C2C Congress 2017

Was waren die Beweggründe für die Gründung, gab es einen konkreten Auslöser?

"Als wir den C2C e.V. gegründet haben, war C2C in der fachlich geführten Debatte schon verbreitet. In der Gesellschaft war es jedoch noch nicht angekommen. Das Konzept Müll war und ist hingegen in der Gesellschaft stark verankert und hat sich sozusagen etabliert. Zudem wird Kreislaufwirtschaft eher als Abfallwirtschaft verstanden. Es geht immer wieder um das Recycling von Produkten am Ende ihrer Nutzung bzw. von dessen Abfall. Wir müssen allerdings das Konzept Müll abschaffen. Das funktioniert nur, wenn wir alle mit einbeziehen und erreichen, dass die Menschen lernen, die richtigen Fragen zu stellen: Ist dieses Textil dafür gemacht, dass ich es auf der Haut trage? Wird aus dem Stoff am Ende Müll oder kann daraus ein neues Produkt entstehen? Und genau deswegen gibt es den C2C e.V.. Wir zeigen auf, wo Probleme bestehen und bieten C2C als Lösungsansatz an. Ausschlaggebend ist ein gesamtgesellschaftlicher Wandel."

Du hast die C2C Denkschule schon angesprochen. Wie lauten Eure Glaubenssätze?

"Wir begreifen den Menschen als Teil der Natur. Wir sprechen daher weder von Herrschaft über die Natur noch von 'Mutter Natur', sondern von einer Partnerschaft mit der Natur: Als Partner*innen tragen wir unseren Teil bei, haben ebenso das Recht zu existieren und zu handeln. Oft wird in der Diskussion der negative ökologische Fußabdruck hervorgehoben und sich auf Reduktion und Verzicht fokussiert. Die C2C Denkschule nimmt eine völlig andere Perspektiven ein. Sie zielt nicht auf das Ausbessern bestehender Rahmenbedingungen, sondern will grundsätzlich neue (Gedanken-)Wege gehen: Produkte und Dienstleistungen werden von Anfang bis (Neu-)Anfang gedacht, von der Wiege zur Wiege (Cradle to Cradle)."

Ihr sagt, wir müssen Kreisläufe völlig neu denken. Kannst Du mal ein konkretes Beispiel nennen, wo das schon gelungen ist?

"Ein sehr alltagsnahes und konkretes Beispiel ist Kleidung. Sie sollte als Verbrauchsprodukt, das mit der Haut in Kontakt kommt, für die Biosphäre konzipiert sein. Alle Materialien, von Farbstoffen bis hin zu Etiketten, bestehen beispielsweise aus biologisch hergestellter Baumwolle oder aber auch aus synthetisch hergestellten, aber biologisch abbaubaren Stoffen. So gibt es beispielsweise ein Garn aus Polymeren, dessen Zersetzungsprozess bei 60°C beginnt und sich bei geregelten Bedingungen mit Mikroben und Feuchtigkeit innerhalb von 400 Tagen vollständig abbaut. Ein schon existierendes Produkt, das den technischen und biologischen Kreislauf verbindet, ist ein Bürostuhl. Sämtliche Rohstoffe von Aluminium und Stahl bis zum Kunststoff können vollständig wiederverwendet oder -verwertet werden. Die Kunststoffrollen werden beispielsweise granuliert und wieder zu Kunststoff verarbeitet. Der Stoffbezug kann zunächst ebenfalls wiederverwertet und später kompostiert werden. Gerade bei Kleidung oder einem Sitzbezug ist biologische Abbaubarkeit wichtig, da beim Waschen bzw. durch das Sitzen Abrieb ins Wasser und die Umwelt gelangt."

C2C Forum Strukturwandel in NRW: C2C als Potential in Bau & Flächenentwicklung, September 2017. v.l.: Thomas Kufen, Prof. Dr. Hans-Peter Noll, Tim Janßen, Nora Sophie Griefahn, Frank Kamping, Katja Hansen, Dr. Monika Griefahn, Christoph Dammermann, Hermann Marth
C2C Forum Strukturwandel in NRW: C2C als Potential in Bau & Flächenentwicklung, September 2017. v.l.: Thomas Kufen, Prof. Dr. Hans-Peter Noll, Tim Janßen, Nora Sophie Griefahn, Frank Kamping, Katja Hansen, Dr. Monika Griefahn, Christoph Dammermann, Hermann Marth
Expertenforum Textilien – Kreisläufe – Beschaffung – Lieferketten. v.l.: Nora Sophie Griefahn, Frederike von Wedel-Parlow, Albin, Kälin, Volker Steidel
Expertenforum Textilien – Kreisläufe – Beschaffung – Lieferketten. v.l.: Nora Sophie Griefahn, Frederike von Wedel-Parlow, Albin, Kälin, Volker Steidel
 

Du bist Mutter. Was sagst Du den Kindern, wie sieht Müll in der Zukunft aus?

"In der Zukunft wird es keinen Müll mehr geben. Alles wird Nährstoff sein und in Kreisläufen zirkulieren. Das Konzept Müll haben wir Menschen uns ausgedacht. Es ist kein Naturgesetz. Daher müssen wir uns wohl eher der Frage stellen warum wir uns dieses Konzept ausgedacht haben."

Kein Müll mehr…. wer muss in erster Linie umdenken? Industrie, Politik, Zivilgesellschaft?

"Wir brauchen einen gesamtgesellschaftlichen Wandel. Allerdings dürfen wir nicht immer alles bei den Konsument*innen abladen. Ich mag es auch nicht, wenn die Verantwortung auf die jüngeren Generationen abgeschoben wird. Denn wir sind alle für unser Handeln verantwortlich. Allerdings brauchen wir von der Politik vernünftige Rahmenbedingungen und Gesetzgebungen, die die Richtung vorgeben. Die Wirtschaft muss dringend umdenken und Umweltschutz nicht als Hindernis und Strafe sehen, sondern als Chance für Innovation. Wirtschaften, Innovationen, Qualität und Umweltschutz sind vereinbar – das müssen wir  verstehen und umsetzen."

Was hältst Du von Konzepten, bei denen aus Müll neue Produkte hergestellt werden?

"Aus Müll Produkte herzustellen hat zwei Seiten. Sicherlich haben die meisten Produzierenden gute Absichten. Wird aber aus einem alten Autoreifen eine neue Schuhsohle oder eine Tasche, haben wir die Probleme nicht gelöst. Autoreifen bestehen aus gesundheits- und umweltgefährdenden Stoffen, wie zum Beispiel krebserregende polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe und sind zudem eine der größten Quellen für Mikroplastik und Feinstaub. So gelangen durch den Abrieb giftige Substanzen in die Umwelt und zu den Nutzer*innen. Ein ähnliches Beispiel ist Kleidung aus recycelten PET-Flaschen. Durch die Entnahme aus dem Flaschenrecycling-Zyklus, um daraus Kleidung zu machen, wird dafür neues PET benötigt. Außerdem beinhaltet PET krebserregendes Antimon und so ist Kleidung daraus nicht für den Hautkontakt gedacht. Zudem lösen sich beim Waschen kleinste Plastikpartikel, wodurch das Plastik dann doch wieder in die Umwelt gelangt."

Waren Umweltschutz und Nachhaltigkeit schon immer wichtig für Dich oder gab es den berühmten Change?

"Ich habe Umweltwissenschaften und Umweltingenieurwesen studiert, um zu lernen, wie ich die Zukunft mitgestalten kann. Umweltschutz und Nachhaltigkeit hören sich für mich oft nach etwas Passivem an. Danach, etwas nicht zu tun – die Menschen dazu zu bringen, weniger schlecht zu sein. Ich möchte lieber dazu beitragen, dass wir viele gute Dinge tun. Es sollte gut sein, dass es uns gibt und gab."

Was treibt Dich persönlich an?

"Die Erde braucht uns Menschen nicht. Daher geht es nicht darum die Erde zu retten, sondern darum, das was uns Menschen ausmacht, nicht zu verlieren. Das was wächst und bleibt sind unsere ganzen kulturellen Errungenschaften. Und dafür lohnt es sich, seine Energie einzusetzen und immer wieder aufzustehen."

Futurewoman ist ein Projekt von Janine Steeger